Orchha


Leider konnte ich dieses Wochenende entgegen meiner Ankündigung nicht nach Varanasi fahren. Jemand den ich beim Photowalk kennengelernt habe und der in Varanasi wohnt, hatte mir eindringlich davor abgeraten, da die Stadt aufgrund heftiger Monsoonregengüsse komplett überflutet sei und er deshalb momentan beispielsweise den Bahnhof nicht erreichen könne. „Having fun“ sei so „not possible“. Also habe ich meine Zugtickets storniert und bin stattdessen auf Noemies anraten nach Orchha gefahren.

Orchha ist ein kleines 12.500-Seelen-Städtchen in Madhya Pradesh, einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens. Die Stadt ist vor allem aufgrund seiner zahlreichen spektakulären Sehenswürdigkeiten aus dem 16. und 17. Jahrhundert bekannt ist.

Da im Ort bis auf ein Luxusressort sämtliche Hotels absolut katastrophal sein sollen, riet mir Noemie (und übrigens auch der Lonely Planet), mich bei einem Homestay von „Friends of Orchha“ einzuquartieren. Das besondere daran ist, dass man mitten in einem Dorf 10 min außerhalb der Stadt lebt und zwar zu Gast bei einer der dort ansässigen Familien, in meinem Fall bei Familie Panchhal.


Die Unterkünfte im Homestay war einfach, aber sauber und herzlich. Es gab keine Klimaanlage, dafür einen Ventilator und ein Moskitonetz. Generell war Strom und Handyempfang kein Problem. Es gab aber kein fließend Wasser, weshalb ich nun auch in das Vergnügen kam, mich mit kaltem Wasser aus zwei Eimern abduschen und mir damit auch meine Hände waschen zu dürfen. Außerdem hatte meine Unterkunft keine westliche Toilette, sondern nur eine indische, bei der man sich über ein Loch im Boden hocken und so na ja, sein Geschäft verrichten muss. In meiner Unterkunft gab es sogar eine Anleitung, wie man hierbei vorgehen soll. Würde alle Welt so auf Toilette gehen, bedürfe es keiner chemischen Toiletten und man würde kein Wasser mehr für seine Abfälle verschwenden. Glücklicherweise musste ich es nicht ausprobieren, mein großes Geschäft dort zu verrichten. Stattdessen hab ich mir bei dem Luxusressort einen Kaffee gegönnt und mich etwas „frisch gemacht“.


Indische Toilette
Meine Gastfamilie hat in zwei einfachen mit Stroh gedeckten Hütte geschlafen. Sie haben eine Ziege und zwei Hunde. In der Hütte lief, wie auch in einigen anderen Hütten die ich von innen gesehen habe, nahezu durchgängig ein alter Röhrenfernseher meist mit einem indischen Musikprogramm. Ich habe einmal auswärts Mittag gegessen, sonst zwei Mal bei meiner Gastfamilie zu Hause gefrühstückt, einmal zu Abend und einmal Mittag gegessen. Das Essen bei meiner Gastfamilie war mega lecker. Morgens gab es immer leckeren Massala Chai (bei uns meist als Yoga-Tee bekannt) – einmal mit frisch am offenen Feuer gebackenem Brot und einmal mit Safran und Koriander gewürztem Reis. Das Abend- und Mittagessen waren identisch. Ebenfalls Brot mit Dal, Okraschoten-Gemüse (das leckerste was ich bislang hatte) und Reis. Ständig wurde ich gefragt, ob ich noch einen Nachschlag wolle. Das Abendessen habe ich übrigens in der Hütte der Familie als einziger auf dem Bett sitzend gegessen - der Rest saß im Schneidersitz auf dem blanken Steinboden. Mir wurde als einziger aufgetan. Die Familie hat gewartet, bis ich fertig war und keinen Nachschlag mehr wollte.


Eingang zum Grundstück der Panchhals

Mittagessen


Am meisten Interaktion hatte ich mit der kleinen Kushi. Sie wollte eigentlich ständig in meiner Nähe sein und war total an mir, vor allem an meiner dank der Sonne „leicht“ rosa-roten und weißen Hautfarbe interessiert. Ich habe ihr bei den Hausaufgaben geholfen (Mathe und Englisch) und mit ihr Fangen und ich-sehe-was,-was-du-nicht-siehst gespielt. Ihr kleiner Cousin, dessen Namen ich nicht wirklich verstanden habe, hat kaum mit mir gesprochen, war aber genauso an mir und insbesondere an meiner Kamera interessiert. Die ganze Familie ist mir wirklich total ans Herz gewachsen. 


Kush

Cousin unbekannt

rechts noch Nidhi
Die Erfahrung in dieser Gastfamilie war unbeschreiblich. Sie waren so freundlich und hilfsbereit, wie ich es von den Indern gewohnt bin. Obwohl sie fast nichts besitzen, haben sie mir unglaublich viel gegeben. Eine wirklich tolle und erdende Erfahrung und ein gutes Kontrastprogramm zu alldem Luxus, den ich in Delhi dank meiner Mitbewohner erlebe (erst am Donnerstag war ich mit ihnen bei der VIP-Eröffnungsparty einer Fotoausstellung – Männer zumeist im Anzug, Frauen im Abendkleid, Champagner for free).


Zum Abschied ein Gruppenfoto - leider ohne den Papa (Kiran sitzt in der Mitte)
Andere Kinder aus dem Dorf



Obwohl Orchha hauptsächlich vom Tourismus lebt, ist der Ort bei den meisten westlichen Touristen eher nicht bekannt. Auch viele meiner indischen Kollegen kannten die Stadt nicht. Siet zählt auch definitiv nicht zu den Top-10-Sehenswürdigkeiten. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht extrem empfehlenswert ist, sie sich anzuschauen. Anders als z.B. in Amritsar kann man in Orchha nämlich nicht nur ein paar Sehenwürdigkeiten abklappern und danach abhauen – auch die Stadt selbst und die Umgebung sind sehenswert.

Am Samstag hab ich mir aber erst einmal die wesentlichsten Sehenswürdigkeiten angeschaut und mir dafür auch einen Englisch sprechenden Guide genommen, der mir die Geschichte seiner Heimatstadt und der Sehenswürdigkeiten nicht nur erklärt, sondern mich auch von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit auf seinem Motorrad mitgenommen hat.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht eine Festung, die aus insgesamt drei Palästen besteht - eines davon ist aktuell ein Hotel. Neben noch gut erhaltenen Wandmalereien aus dem 16. Jhd ist die Festung vor allem wegen der besonders anschaulichen Mogul-Architektur sehenswert.









Daneben habe ich mir in der Stadt noch die an einem Fluß gelegenen Grab- bzw. Memorialbauten sowie diverse Rama, die 7. Inkarnation Vishnus, gewidmete Tempel und die wundervolle Landschaft angeschaut.






Blick von der Festung auf die Stadt und den Chaturbuj-Tempel
 


Sagar hat mich auf der Straße angesprochen und mich ein Stück weit beim Sightseeing bekleidet.
Ich hab ihn deshalb auf nen frischgepressten Orangen-Ananas-Saft eingeladen. Die Kuh wollte wohl auch was.
Am Sonntag habe ich mir ein Fahrrad ausgeliehen und einige etwas außerhalb gelegene Sehenswürdigkeiten angeschaut. Hierzu musste ich unter anderem eine geschlagene Stunde bei knapp 40 Grad auf einer Straße mitten im Nirgendwo in die Pedale treten und anschließend mit spürbar erschöpften Beinen noch unzählige Treppenstufen erklimmen, um einen auf einem Berg gelegenen Tempel zu erreichen. Im Tempel hat sich sofort eine riesige Kinderschar um mich gesammelt, die alle fotografiert werden und erstmals auch Autogramme haben wollten. Vom Autogrammeschreiben hatte mir schon Marian schon berichtet, der das in seiner Zeit in Indien auch machen sollte.









Die Tempelbewohner waren wieder einmal total nett. Sie haben mit alles gezeigt und mich sogar zum Abendessen eingeladen. Da ich mir aber noch einige andere Sachen anschauen wollte, habe ich dankend abgelehnt und meinen Rückweg angetreten, bei dem ich noch einen wilden Languren gesehen habe.





Langur
Am Ende des Tages bin ich noch zu einem Hare Krishna Tempel gewandert, was mir vom Homestay empfohlen wurde. Entsprechend der Empfehlung habe ich dem Einsiedler dort auch etwas Obst gebracht, woraufhin er mit mir erst einmal irgendwelches Zeug rauchen wollte. Ich hab lediglich ein Paar Fotos gemacht und bin lieber gegangen :D


Der Hare Krishna-Einsiedler 


Mit etwas Sonnenbrand (trotz 30er und 50er Sonnencreme), vielen schwer einzuordnenden aber unbezahlbaren Eindrücken und total erschöpft, fiel mir der Abschied dann doch recht schwer. Dieses Wochenende zählt zweifellos zu den besten und lehrreichsten meines Lebens. Eine unbezahlbare und absolut empfehlenswerte Erfahrung.





Am Bahnhof in Jhansi

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