Mumbai


Bereits von Anfang an hatte ich mich darum bemüht, mir das Headquarter der Handelskammer in Mumbai anzuschauen. Letzten Mittwoch war es dann soweit und ich bin nach der Arbeit die 2 Stunden von Delhi nach Mumbai geflogen. Mein Rückflug ging erst am Montagabend, so dass ich genug Zeit hatte, die Stadt etwas kennenzulernen.

Mumbai, oder Bombay wie es bis 1996 offiziell hieß und noch heute synonym verwendet wird, ist mit 12,5 Millionen Einwohnern im Kern-Stadtgebiet die größte Stadt und das wirtschaftliche Zentrum Indiens. Der Stadt, weil auf einer Halbinsel gelegen, fehlt es vor allem an Platz, was sich in den Mietpreisen bemerkbar macht. Die Mieten in Mumbai sind um fast 60 % höher als in Delhi - einige gehen sogar so weit, zu sagen, Wohnen in Mumbai kostet so viel wie in Paris. Ich kann nur sagen, dass die Praktikanten in Mumbai für eine solide, aber im Vergleich zu meiner Wohnung in Delhi deutlich schlechtere Wohnung fast das doppelte zahlen müssen. Die Fahrt mit dem Uber kostet mehr und auch die Restaurants kosten gefühlt mehr (ein Vergleich im Internet zwischen Delhi und Mumbai bestätigt das). Ich war also mehr als froh, dass ich in Mumbai umsonst auf der Ausziehcouch in der Wohnung der deutschen Praktikanten schlafen konnte.

Am Donnerstag und Freitag habe ich im Büro in Mumbai gearbeitet, dass ganz im Süden der Stadt liegt. Die Fahrt dauerte zwischen 1 und 1 1/2 Stunden, je nach Verkehr. In Mumbai von A nach B zu gelangen ist zermürbend und dauert Ewigkeiten. Es gibt so wenig Platz und so viele Straßen, dass man eigentlich permanent im Stau sitzt. Man muss sich also wirklich genau überlegen, wohin man fahren möchte und sollte es auf jeden Fall vermeiden, mehrfach hin und her zu fahren.

Das Büro befindet sich in einem großen Hochhaus. Da es sich dabei um den Hauptsitz der deutsch-indischen Handelskammer handelt, ist das Büro größer und repräsentativer. Gleichwohl müssen die meisten der einfachen Angestellten (ich würde schätzen 20-30 Leute) in einem einzigen riesigen Großraumbüro arbeiten. Meine Kolleginnen und Kollegen aus Mumbai kennenzulernen war aber toll, da ich mit vielen vorher schon telefonisch Kontakt hatte und der Stimme jetzt mal ein Gesicht zuordnen kann. Ich habe den Eindruck, dass in Mumbai etwas mehr gearbeitet wird :-), was sicherlich vor allem daran liegt, dass hier auch die Chefs ihre Büros haben. Außerdem bleiben die Deutschen, soweit ich es mitbekommen habe, eher unter sich und kommen weniger mit Indern in Berührung. Die Deutschen gehen zusammen zum Mittagessen, auf Partys und schauen sich gemeinsam die Sehenswürdigkeiten an. Das hat auf jeden Fall den Vorzug, dass man immer jemanden zum Unterhalten hat und sich gegenseitig besser kennenlernt. Auf der anderen Seite bleibt der "inder"kulturelle Austausch damit etwas auf der Strecke. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich nicht so viel mit Deutschen zu tun habe (klingt etwas komisch) und damit weiterhin vor allem Englisch sprechen muss.

Am Freitag durfte ich mir Verhandlungen im Bombay High Court ansehen. Die Abläufe habe ich aber nicht verstanden. Im Saal waren immer ungefähr 20-30 Anwälte anwesend, die Einzeln vor den oder hier die Richterin traten, dann kurz 5 Minuten irgendetwas ausgeführt haben und anschließend, so meine ich, unverrichteter Dinge den Saal verließen, wobei sie sich beim heraustreten noch vor his Lordship bzw. her Ladyship verbeugten. Damit gab es also eine ständige Fluktuation von Anwälten.

Arbeitslast im High Court

Neben der Arbeit habe ich aber auch wirklich viel von der Stadt sehen können. Mumbai wurde früh erst von den Portugiesen und später von den Briten kolonalisiert, was man auch gut in der Architektur wiedererkennen kann. Steht man vor dem Hauptbahnhof in Mumbai und kommt dann auch noch einer der roten Doppeldeckerbusse vorbeigefahren, könnte man fast meinen, man befindet sich in London.

Gateway of India


Mumbai ist auf jeden Fall deutlich ansehnlicher als Delhi. Die Stadt hat eine unglaubliche Skyline mit Wolkenkratzern soweit das Auge reicht. Zudem ist sie von allen Seiten von Wasser umgeben, weswegen das Klima, obwohl zwar etwas schwüler, viel angenehmer ist. Die Stadt wirkt wesentlich sauberer und moderner. Die Leute sind freundlicher und eher daran gewöhnt, Ausländer zu sehen. Man kann recht unproblematisch von einem Stadtteil zum anderen laufen, da es breite Bürgersteige gibt (was so in Delhi leider nicht wirklich möglich ist).

Blick vom Worli Fort auf die Stadt

Am Samstag habe ich an einem Monsoon-Trek teilgenommen. Treffpunkt war ein Bahnhof der Nachbarstadt Thane (ungefähr eine Stunde mit dem Uber entfernt) um 7 Uhr morgens. Nachdem ich mich bereits bei WhatsApp abermals als höchstwahrscheinlich "whites guy around" zu erkennen gegeben hatte, habe ich meine Gruppe schnell finden können - und für jeden Nachzügler war dann auch schnell klar, welcher Gruppe er sich anschließen musste... Mit einem privat angemieteten Bus ging es dann für 3 Stunden in den Bundesstaat Maharashtra zum Visapur Fort. Während der Fahrt wurde volle Pulle Musik gespielt, damit schon einmal etwas gute Laune aufkommen konnte. Die Wandergruppe "DarkGreen Adventures" hatte ich über Facebook gefunden. Neben der Tatsache, dass die Tour super günstig war, war das beste daran, dass es abgesehen von mir eine reine Veranstaltung von und für Locals war. Zwei junge Studenten haben die Gruppe gegründet, weil sie ihr Hobby zum Beruf machen möchten. Klar, Visapur gehört vielleicht nicht umbedingt zu den Top 10 der Sehenswürdigkeiten Indiens, es handelt sich dabei eher um ein Ausflugsziel, das bei Locals beliebt ist. So wie beispielsweise der Pfaffenstein, den auch nicht jede chinesische Reisegruppe auf dem Zettel haben wird.

Die Wanderung zum Visapur Fort ist leider eher schlecht erschlossen. Der überwiegende Teil der Strecke ging über Geröll und durch dichtes Gestrüpp. Die Strapazen haben sich aber auf jeden Fall gelohnt. Die Aussicht war wirklich schön und die Leute sehr nett und lustig. Gerade in der Monsoonzeit lohnt sich der Aufstieg trotz der widrigen Umstände und der klitschigen Pfade wegen der satt grünen Landschaft.

Spaß hatten wir aber trotzdem. Die Inder haben keine Wasserfall ausgelassen, um sich mitten rein zu stellen oder um im Wasser schwimmen zu gehen. Unzählige Selfies wurden geschossen, ohne die die Wanderung sicherlich auch in der Hälfte der Zeit machbar gewesen wäre.

Bus nach Visapur




Selfie-Time


Meine Wandergruppe. Vorne im Bild in Tarnfleck unser Gruppenführer Harshal.







Dieser Dorfbewohner hat uns geholfen, den Rückweg zu finden, nachdem wir uns ein klein wenig verlaufen hatten. Er kam mir nichts, dir nichts aus einem Gebüsch hervorgekrochen mit einer Herde indischer Wasserbüffel im Schlepptau. Ohne zu zögern hat er seine Herde einfach fortgeschickt mit dem Bemerken, sie würden den Weg schon alleine zurückfinden, und ist mit uns den halben Weg zum Dorf wieder herabgestiegen. Der Typ war bestimmt schon über 60, aber geradezu bergziegenhaft und bestimmt doppelt so schnell wie wir unterwegs.

Im Dorf




Letztes Gruppenfoto

Am Sonntag habe ich mir Mumbai noch ein wenig genauer angesehen. Neben Dhobi Ghat, der weltweit größten outdoor-Wäscherei, in der viele Hotels ihre Wäsche waschen lassen, habe ich mir unter anderem das parsische Viertel und die Strandpromenade entlang des Marine Drive angesehen.

Dhobi Ghat


Zur Abwechslung bin ich auch mal ein paar Stationen mit dem Zug gefahren.

Blick auf das parsische Viertel





"Hey, nice shirt!" 

Eine Runde Cricket am Strand fern der Touristen. Das Wasser um Mumbai ist übrigens und offensichtlich nicht zum Schwimmen geeignet.


Sonnenuntergang am Marine Drive - hier Blick auf Girgaon Chowpatty.



Tipp: der Banganga Tank nach Sonnenuntergang


Am Montag habe ich noch eine Führung durch eines der größten Slums Asiens, dem Dharavi Slum, gemacht, in dem wohl eine Million Menschen leben sollen. Daneben macht das Slum aber auch mit Handel, Handwerk und Dienstleistungen (insb. Recycling von Plastikmüll, Stoff- und Lederproduktion) jährlich rund 700 Millionen Euro Umsatz. Die Arbeits- und Lebensbedingungen sind natürlich katastrophal. Die Tour von Reality Tours & Travel zählt für mich aber zu den besten Aktivitäten, die ich bislang hier gemacht habe. 80% der Erlöse wandern bei dieser Organisation zurück zu den Bewohnern des Slums und es herrscht eine strickte no-photography Policy. Damit können sie die Touristengruppen aber auch wirklich sehr nah an die Bewohner und Arbeiter im Slum heranführen. Wir haben gesehen, wie sie das Plastik ohne Schutzmaske oder Handschuhe einschmelzen und verbrennen, wie Leder nach der Gerbung getrocknet und aufbereitet wird, wie ganze Familien auf kleinstem Raum zusammenleben. Und wir sind durch enge, verwinkelte, dunkele und schmutzige Gassen gelaufen.

Dharavi Slum - Residential Area



Zweifellos gehört gerade die Slum-Tour zu den eindrucksvollsten Dingen, die ich bislang in Indien gesehen habe. Was Menschen ertragen, weil sie keine andere Wahl haben, ist unvorstellbar. In einer Stadt der Schönen und Reichen findet man auch bitterste Armut und schlimmste Umweltverschmutzungen. Leider kein rein indisches Problem, auch wenn es gerade in Mumbai auf engstem Raum sehr deutlich zum Vorschein kommt.

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